Erschienen als Kommentar zur Kunst-und-Bau-Arbeit in der Stadt Zürich, Fachstelle Kunst-und-Bau, Dezember 2025
Gesundheitszentrum für das Alter Witikon
Kienastenwiesweg 2, 8053 Zürich
Für den Neubau des städtischen Pflegezentrums in Zürich-Witikon entstehen 1983 fünf grossformatige «Polissagen» von Marguerite Hersberger. Im Rahmen eines umfassenden Kunstkonzepts werden ausserdem Florian Granwehr und Shizuko Yoshikawa mit ortsspezifischen Werken für Innen- und Aussenbereiche beauftragt, wobei alle drei Positionen an das Erbe Konkreter Kunst anknüpfen.
Ursprünglich als Orientierungshilfe für die Begegnungszonen der fünf Bettenetagen entwickelt, entfalten Hersbergers geometrische Farbfelder seit einem Umbau 2015 nun ihre Wirkung in einem viel genutzten Durchgang zum Untergeschoss.
Die Acrylglasrahmen der «Polissagen»-Objekte bergen jeweils zwei symmetrisch gespiegelte Acrylmalereien in zwei verschiedenen Farben, zusammengesetzt aus polygonen Modulen gleicher Grösse. Geht man daran vorbei, ist nicht nur der körperliche Effekt der farbigen Geometrie besonders spürbar, sondern auch ihr Einfluss auf das Umgebungslicht. Dies beginnt bereits mit dem Acrylglas des Rahmens, das im Gegensatz zu herkömmlichem Glas das Licht nicht nur bündelt, sondern aufgeteilt in Spektralfarben wieder in die Umgebung abgibt. Darüber hinaus sorgt ein Raster aus unterschiedlich geschliffenen Bereichen – daher auch die Werkgruppen-Bezeichnung «polissage» – für verschiedene Durchlässigkeiten an der Oberfläche des Kunststoffs.
Nach 2015 wurden die «Polissagen» in zwei Gruppen installiert, die das Raumlicht jeweils unterschiedlich absorbieren und reflektieren: an einem Ende des Ganges durch die Kombination von Türkis und Weiss mit Weiss, am anderen Ende durch Blau und Gelb mit Weiss bzw. Silber mit Rot. Polygone Farbflächen – aus einem Quadrat entwickelt – werden jeweils von helleren Flächen oder Linien unterbrochen. Wie sich Licht ausbreitet oder überhaupt erst durch Kontraste wahrnehmbar wird, wird hier als Bild lesbar. Durch die symmetrische Verdoppelung und diagonale Ausrichtung deuten die Grundelemente nicht nur eine potenziell unendliche Vervielfältigungan, sondern weisen auch dynamisch in unterschiedliche Richtungen – jede der fünf Konstellationen ist um eine Vierteldrehung verschoben. Geometrisch standardisierte Bildmodule, die zugleich variabel eingesetzt werden, verweisen hier einerseits auf die modulare Bauweise des Gebäudes und andererseits auf ein Vokabular der Konkreten Kunst. Darüber hinaus lässt die Verbindung von dynamischen Polygonen und Linienrastern an Positionen der US-amerikanischen Farbfeldmalerei, etwa bei Frank Stella, denken.
Hersbergers Arbeit schliesst zwar an diese Kontexte an, setzt aber von Anfang an eigene Schwerpunkte. Bildkompositionen werden dabei vielfach als architektonische Elemente und zugleich als Filter für Umgebungslicht genutzt. Bereits bei den «Boîtes Magiques» genannten Schaukästen experimentiert Hersberger in den 1960er Jahren mit der besonderen Raum-Licht-Wirkung von Acrylglas. Ab Mitte der 1970er Jahre fügen die mit Schleifpapier veränderten «Polissagen» den Kunststoff- Oberflächen opake Bereiche – und damit Störungen der gewohnten Glas-Transparenz – hinzu. Anfang der 1980er Jahre entstehen einige raumgreifende, orts- bezogene «Polissagen» zu Um- und Neubauten im Raum Zürich, darunter auch die fünf farbigen Akzente für das damalige Krankenheim Zürich-Witikon. Damit nimmt nicht zuletzt eine ortsbezogene Auseinandersetzung mit architektonischen Räumen ihren Anfang, die Hersbergers Werk in den folgenden Jahrzehnten prägt. Im Dialog mit einer sich parallel entwickelnden postmodernen Architektur kommentiert die Künstlerin nicht nur deren schwer fassbare und zugleich plakative Material- und Bildsprache, sondern auch den zunehmenden Einfluss von elektronischen Lichtquellen und Steuerungen.
Im Vorfeld der Realisierung in Witikon erproben einige Studien bereits die Wirkung der gespiegelten Polygone in kleinerem Massstab, besonders hinsichtlich Schleif- und Maltechnik. In fünf herkömmlichen Metall Rahmen sind diese ergänzenden Arbeiten seit dem Umbau 2015 in den benachbarten Fluren zu sehen. Neben Tests für die grossen «Polissagen» wird hier mit weniger scharf begrenzten, geradezu wolkig-ausufernden Farbfeldern auf Acrylfolie experimentiert. Schleifbewegungen wirken dabei wie eine malerische Geste und wie ein optischer Filter.
Konstruktive Systeme, aber auch immaterielle Einflüsse und mediale Effekte der umgebenden Architektur werden in Hersbergers Arbeiten erfahrbar. Und es kommt vor, dass ein künstlerisches Konzept von Nutzer*innen mitunter sogar weiterentwickelt wird: Bis 2012 kamen die farblichen Akzente für die fünf Bettenetagen in Zürich-Witikon auch bei den entsprechenden Tasten im Lift sowie zur Kennzeichnung verschiedener Verantwortungsbereiche des Personals zum Einsatz.