Erschienen als Kommentar zur Kunst-und-Bau-Arbeit in der Stadt Zürich, Fachstelle Kunst-und-Bau, Dezember 2025
Geschäftszentrum Lochergut
Badenerstrasse 230, 8004 Zürich
Mit der Hochhaus-Überbauung „Lochergut“ (1963-66) ist eine weithin sichtbare Landmarke in der Stadt Zürich entstanden. Dabei schaffen die Wohntürme nicht nur viele Wohnungen auf kleiner Fläche. Sie spielen zugleich auch mit diesem modernen Programm: Aus der Ferne erinnert das Ensemble unterschiedlich hoch aufragender Baukörper eher an einen Berg oder eine Welle.
Seit die Ladenpassage der Überbauung durch ein Bürogeschoss erweitert wurde, markiert eine farbig wechselnde Leuchtschrift das vergrösserte Vordach entlang der Badenerstrasse. Wo vor dem Umbau jahrzehntelang ein „Tearoom“ um Kundschaft geworben hat, lässt nun ein grobes Raster aus Leuchtquadern den Namen der Siedlung lesbar werden – allerdings nur in bestimmten Momenten. „Lochergut“ wechselt während einer 30-minütigen Sequenz etwa von Orangetönen über Grün-Pink-Blau zu Rot und löst sich zwischendurch in blendendem Weiss auf. Am anderen Ende der Ladenzeile deutet ein farblich ebenfalls wechselnder Punkt auf einen Aussagecharakter des Text-Bildes hin. Das zieht auch den schnellen Blick aus dem vorbeirollenden Verkehr der stark befahrenden Badenerstrasse an. Die Kunst-und-Bau-Intervention von Olaf Nicolai (*1962, lebt in Berlin) lässt das „Lochergut“ während der späten Abend- und frühen Morgenstunden ins angrenzende Quartier ausstrahlen – mal wie eine Aussage, aber auch wie ein angesagtes Firmenlogo oder ein spektakuläres Farbereignis.
Die Leuchtquader werden von der lesbaren Schrift zum Würfelspiel – gleichsam vom Logo zum Lego – und wieder zurückverwandelt. Was auf den ersten Blick so spielerisch, ja fast zufällig daherkommt, funktioniert nach dem modernen Baukasten-Prinzip. Die Steuerung der LED-Leuchtquader setzt unterschiedliche Farbwerte aus den Grundfarben Rot, Grün und Blau zusammen – ähnlich wie dies bei Bildpunkten (Pixel) auf Bildschirmen geschieht. Auch die hier verwendete Schriftart „nicolai“, die der Künstler vom Typografie-Studio lineto anlässlich einer Ausstellung 2002 gestalten liess, basiert auf dem modularen Pixel-Modell. Sie prägt seither verschiedene Textarbeiten Nicolais und zeugt vom Anspruch, ein modernes Erbe im Zeitalter digitaler Bildproduktion weiter zu denken. Farben und Formen entstehen hier in Koproduktion zwischen Künstler, Designstudio, algorithmischer Steuerung und industriellem (Leucht-)Material.
Aufgrund von technischem Verschleiss sowie witterungsbedingter Schäden wurde 2016 eine Sanierung der Kunst-und-Bau-Arbeit notwendig. In enger Zusammenarbeit zwischen dem Amt für Hochbauten, spezialisierten Handwerksbetrieben und dem Künstler konnte – u.a. durch technologische Weiterentwicklungen – eine dauerhaftere Lösung gefunden werden. Dabei wurden existierende Kunststoffquader wiederverwendet, LED-Leuchtmittel und Steuerung jedoch grundlegend neu aufgebaut. Die ursprüngliche Programmierung der Farbsequenz blieb dabei erhalten.
In einem Gespräch betont Olaf Nicolai 2025, digitale Bildproduktion habe seit Entstehung der Arbeit sogar noch um ein Vielfaches zugenommen. Insofern sei auch die gesellschaftliche Bedeutung der „Lochergut“-Leuchtschrift nicht nur erhalten geblieben, sondern sei im Zuge einer fortschreitenden Digitalisierung sogar noch virulenter. In der alltäglichen Nutzung von Bildschirmen sind einzelne Bildpunkte (Pixel) durch üblicherweise sehr hohe Auflösungen kaum noch zu erkennen. Mit einem spielerischen Anachronismus erinnert „Lochergut“ einerseits an digitale Anfangszeiten, andererseits legt die Arbeit ein heute noch bestehendes Produktionsprinzip offen: Digitale Bilder werden auf Bildschirmen nach wie vor aus einzelnen rot, grün oder blauen Punkten zusammengesetzt.
Das modulare Spiel mit geometrischen Formen verweist aber nicht nur auf digitale Bildproduktion, sondern auch auf ein heutiges Nachleben der Moderne. Als eine der ersten Hochhaussiedlungen in der Schweiz steht das „Lochergut“ für die weite Verbreitung moderner Standards: Seit den 1960er Jahren prägen schlichte, geometrische Formen und modulare Bauweisen viele Schweizer Städte und Gemeinden. Für diese Entwicklung spielten die engen Beziehungen zwischen Architektur, Konkreter Kunst und Design während der 1950er und 1960er Jahre eine wichtige Rolle. Nicht selten waren Protagonist*innen in allen drei gestaltenden Disziplinen tätig. Besonderen Wert wurde dabei auf den flexiblen Umgang mit einem modernen Formenvokabular gelegt: auf Variation, modulare Kombination und Veränderbarkeit. Indem „Lochergut“ einen ähnlichen Schwerpunkt setzt, knüpft das Werk auch an jene spielerische Interpretation des modernen Erbes an.
Zwischen schöpferischer Wandelbarkeit und industriell-technischer Konstruktion kommt dabei eine zwiespältige Schönheit zum Vorschein – eine Schönheit mit dem Versprechen schier unbegrenzter gestalterischer Möglichkeiten. Um dieses Potential zu nutzen, werden allerdings viele Produktionsschritte delegiert. Und zwar an technische Prozesse, die viele nicht verstehen, aber gegen Bezahlung täglich in Anspruch nehmen. Mit „Lochergut“ leuchtet ein fast wundersames, aber zugleich auch ambivalentes Versprechen auf, durch Technik und Kapitalismus unsere menschlichen Spielräume ständig zu erweitern.